Ligue des Bibliothèques Europeénnes de Recherche, Groupe des Cartothécaires de LIBER
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Innerhalb der Gruppe von kartographischen Objekten, die den Papierrestaurator befassen, kann eine Dreiteilung getroffen werden:
Mit der dritten Gruppe als Aufgabengebiet des Papierrestaurators befaßt sich dieser Beitrag, wobei vier häufig bei Objekten dieser Art auftretende Schäden und deren Behandlung besprochen werden. Es kann davon ausgegangen werden, daß Blätter in Folianten allgemein in besserem Zustand sind als gerollte Karten oder auch die Papiersegmente von Globen, die starker Verunreinigung ausgesetzt sind.
Der Ruchblock bietet Schutz für die Blätter, denn die für Papiercellulose und Kolorite schädigenden Luftschadstoffe und UV-Strahlung kommen nicht in dem Maße zur Wirkung, wie dies bei frei aufbewahrten Blättern der Fall ist. Diese Tatsache läßt sich leicht durch die unterschiedlichen pH-Werte von Blattrand und Blattmitte bei Blättern aus intakten Büchern zeigen. Die Stickoxide der Großstadtluft, die bei Anwesenheit von Katalysatoren Säuren bilden, kommen nur im peripheren Bereich des Buchblocks zu ihrer destruktiven Wirkung. Leider wurde jedoch durch die in der Vergangenheit of t geübte Praxis des Zerlegens von Atlanten und Sammelwerken zum Zwecke der besseren Zurschaustellung oder Veräußerung die Schutzwirkung des geschlossenen Buches egalisiert.
Obwohl, wie erwähnt, die Blätter in Folianten gut geschützt sind, gibt es doch viele Gründe, die die Restaurierarbeit an solchen Objekten notwedig machen. Zum einen sind es Schäden an Einbanddecken, die durch Überbeanspruchung aufgrund von Gewicht und Format der oftmals voluminosen Folianten entstehen, oder Schäden an den Blättern, verursacht durch das Einfalten überformatiger Karten. Ersteres hat den Bruch von Leder oder Pergament am Gelenk der Einbanddecke zur Folge, während die Faltstellen der Karten durch häufiges Benützen brüchig werden und Druck oder Farbe im Knick abblättern.
lm folgenden werden vier Beispiele mit häufig auftretenden Schadensphänomenen gezeigt, die sich in der Kartensarnmlung der Österreichischen Nationalbibliothek befinden.
Beispiel Nr. 1 (Karte des Peloponnes von Claes Jansz. Visscher aus dem sogenannten Welser Atlas, 2. Hälfte des 17. Jh.s )
Fehler der Papierproduktion sind mitunter saure Leimung oder Alaunzusatz, aber auch ungeeignete Rohmaterialien und Eisenspäne, die von den papierverarbeitenden Maschinen stammen. In diesem Fall ist dies jedoch auszuschließBen, da der zwischen 5 und 10 cm breite Rand aller Stiche des Atlasses den bekannten grauweißen Farbton und die Konstitution sehr gesunden Hadernpapiers aufweist, allerdings mit Ausnahme des hier besprochenen Blattes. Daß diese Verbräunung nur im Bereich innerhalb des Druckplatterandes auftritt, weist auf die Ursache hin: Die Verbräunung stammt von zu hoher Leinölkonzentration beim Bestreichen des Papiers vor dem Druck, womit das Auslaufen der Druckerschwärze zu verhindern versucht wird. Diesern Leinölfirnis wurden manchmal Metalloxidzusätze oder harzsaure Substanzen beigemengt, die das Papier übersäuerten und den Abbauprozeß der Cellulose in diesern Bereich verursachten (3).
Die Erklärung für die über den ganzen Blattbereich verteilte Destruktion ist durch ein schon bekanntes Phänomen möglich, dem sogenannten Durchschlagen van Übersäuerung. Diese Karte nämlich war die einzige des Atlasses, welche aus Gründen des Formats eingefaltet war, und zwar so, daß sie zur Gänze im Druckplattenbereich der Übersäuerung der anliegenden Blätter zu liegen kam. pH-Wert-Messungen ergaben im gesamten Bereich saure Werte von 3,5 gegenüber 6,5 im Randbereich der übrigen Blätter (4).
Die Aufgabe der Konservierung bestand nun darin, die Säure im Papier zu neutralisieren, die unästhetische Braunfärbung aufzuhellen, sowie die Papierfaser wieder zu verstärken. Es wurde folgendermaßen vorgegangen:
Die geschwächten und teilweise durchbrochenen Faltstellen des Blattes wurden von der Rückseite her händisch mit einer Papierfasersuspension in Wasser und Methylcellulose angegossen und dadurch verstärkt bzw. Ergänzt
Beispiel Nr. 2 (Salomon Kleiner: Ansicht des Prunksaals der Österreichischen Nationaibibliothek)
Beim Bleichen der vielfarbigen Flecken dieses Blattes wurde ein neuer und doch eigentlich schon altbekannter Weg beschritten. Es wurde auf die schon im Mittelalter praktizierte Sonnenbleiche zurückgegriffen. Die erfolgreiche Anwendung der Sonnenbleiche bei solch intensiven Schimmelflecken war eine Überraschung, da in diesen Fallen die Fachliteratur nur die radikale Bleiche mit dem schwer kontrollierbaren Kaliumpermanganat kennt. Die Sonnenbleiche ist die für die Cellulosefaser schonendste, oxidative Bleichmoglichkeit, die zudem völlig umweltfreundlich ist, im Gegensatz zu den Rückstanden bei der üblichen Chlorbleiche. Sie ist ein langsamer, überschaubarer Prozeß, der, weil es kein Nachbleichen gibt, zu einer der Papierart und dem Alter des Objekts am besten angepaßten Tonung führt. Dieses Blatt wurde in einer mit Wasser gefüllten Wanne unter Zugabe von einigen Tropfen Ammoniak (letzteres, weil im alkalischen Bereich die Bleiche wirksamer ist) dem Sonnenlicht ausgesetzt. Nach insgesamt sechs Stunden wurde eine völlige Farbangleichung an die nicht geschädigten Blattbereiche erzielt.
lm Institut für Restaurierung der Österreichischen Nationalbibliothek wurde eine Anlage zur künstlichen Sonnenbleiche gebaut. Spezielle Fluoreszenzröhren strahlen UV-Licht mit einer Wellenlänge unter 400 nm ab und ersetzen so das Sonnenlicht. Die Leuchtstoffröhren sind so gelagert, daß das Objekt in einer Glaswanne von oben und unten her bestrahlt wird und so der Bleichvorgang auf die halbe Zeit reduziert werden kann (6).
Das hier besprochene Blatt wurde zur Regenerierung der Fasern mit Methylcellulose (MC 400) getränkt und anschließend mit Hausenblasenleim zusätzlich oberflächengeleimt; dies als Schutz gegen Umwelteinflüsse.
Beispiel Nr. 3: (Kriegs-Atlas von Abraham Allard)
Dieses Blatt ist zu zwei Drittel von einer öligen Substanz durchtränkt, die wie bei einem Klatschbild von der Mittelfaltung über die untere Hälfte synchron verteilt ist. Es handelt sich dabei um Leinölfirnis, der vom Künstler, wie im unbeschädigten Teil zu ersehen ist, für die Fixierung der Farben verwendet worden ist. Vermutlich hat er seine Firnisflasche umgeschüttet und danach das Blatt sogar noch gefaltet. Der Leinölfirnis durchtränkte Farben und Papier, fixierte aber nicht nur die Farben bestens, sondern auch den vermutlich später hinzugekommenen Schmutz. Um den Papiercharakter des zum "Ölbild" gewordenen Blattes wieder herzustellen und den mittlerweile verbräunten Firnis herauszulösen, mußte schrittweise vorgegangen werden, weil die Gefahr des Auslaufens der Farben bestand. Eine langwierige Prozedur von wiederholter Tränkung mit Äther und abwechselnd mit Chloroform als fettlösende und reinigende Komponenten, wechselte mit dem Aufbüigeln von mit Dimethylformamid gefeuchteten Löschpapier, auf welche Weise die schon gelasten Partikel abgehoben wurden. Nach und nach gelang es, den Firnis soweit zu lösen, daß gerade noch genügend Fixierung der Farben gegeben war. Nach gründlichem Wässern konnte mit dem punktuell anwendbaren Bleichmittel Calziumhypochlorid die durch den Luftabschluß entstandene Verbräunung des Papiers aufgehellt werden. Nach weiterem Wässern, der obligaten pH-Wert-Kontrolle und Neutralisierung mit Natriumthiosulfat wurde das Blatt zur Regenerierung mit Methylcellulose von der Rückseite eingestrichen und pastose Farbschichten mit Aquarellack aufs neue fixiert.
Beispiel Nr. 4: (Kriegs-Atlas von Abraham Allard)
Die Schadensursache ist noch nicht restlos geklärt und wird in einem großangelegten Forschungsprojekt der Volkswagen-Stiftung untersucht (8). Demnach bilden diese kupferanteiligen Pigmente komplizierte basische Salze, hauptsachlich Azetate, Karbonate und Chloride. Durch die Anwesenheit von Schwermetallionen, z. B. von Kupfer, wird der oxidative Abbau der Cellulose gefördert, der bei gleichzeitiger Anwesenheit von Feuchtigkeit noch beschleunigt wird. Das Schadensausmaß reicht von Farbveränderung und Abbau des Pigments bis zur Zerstörung des Papiers. Die als Beispiel von vielen gewählte Karte enthalt einige mit Grünpigment kolorierte Landschaftsteile; hier ist das Papier geschwacht und durchbrochen, wobei einige Teilchen bereits verlorengegangen sind. Das Grünpigment ist zu häßlichem Braun verfärbt. Dieser Atlas enthalt noch 224 Karten mit ähnlichen Kupferfraßschäden.
Bislang kannte man bei solchen, bereits durchbrechenden, instabilen Papieren nur die Möglichkeit der Applikation von dünnen Japanpapieren oder das Einbetten zwischen Kunststoffolien, die entweder sichtbehindernd, schädigend durch Luftabschluß oder selbst von geringer Lebensdauer sind. Kunststoffolien sind vor allem nie wieder ohne Schaden für das Objekt zu entfernen und daher entsprechen solche Maßnahmen nicht der Forderung nach Reversibilität der Restaurierung.
In den letzten Jahren wurde eine Papierspalttechnik ausgearbeitet, die es moglich macht, jedes auch noch so dünne Blatt in zwei gleiche Hälften zu spalten, so daß eine Festigung der geschädigten Blätter von innen her erfolgen kann. Zu diesem Zweck wird Japanpapier in das gespaltete Papier eingebracht -als Zwischentrager- welches auch zugleich die Fehlstellen ergänzt, ohne Text oder Bild zu verdecken; von außen wären Fehlstellen wegen des instabilen Materials nur großflächig uberlappend zu schließen. Bei der Spaltmethode wird der Japanpapier-Zwischenträger mit Cellulose und Magnesiumbicarbonat vorhehandelt und man erreicht so die von der oben erwähnten Untersuchung vorgeschlagene Maßnahme gegen weiteres Fortschreiten des Kupferfraßes, nämlich die von Magnesium bewirkte inhibierende Wirkung auf die Kupferionen beim Abbauprozeß.
Anmerkungen